23.02.2012
Stichwort: Mannschaft | 11.09.2011 | Kommentare

Preußen Münster: Nachhall der Böller

Jetzt ist auch die Stellungnahme des SC Preußen Münster da - und sie ist fast ein Hilferuf. Keine Fahnen mehr, Block O schließen, Kapuzenpullover sind verboten. Das ist doch am Ende nichts weniger als ein verzweifelte Geste. Sie sagt: Wir wissen auch nicht weiter.

Dass der Verein öffentlich reagieren musste, ist klar. Die Distanzierung war Pflichtaufgabe, ein wichtiges Zeichen an des Fußballs Vertreter auf Erden, den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Der Gedanke klingt nicht unlogisch, dass dort in Frankfurt bereits über ein Geisterspiel gegen den SCP nachgedacht wird. Für eine ähnliche Aktion musste Alemannia Aachen 2004 auch schon mal vor leerem Haus antreten - und beim SC Preußen wurden viele Verletzte gezählt. Mit welchem Recht könnte der DFB jetzt auf eine ähnliche Strafe verzichten?

Die Stellungnahme der Preußen ist aber auch eine Art von Schulterzucken. So lange ist es gar nicht her, seit die Preußen genau so schon einmal reagierten. Im November 2010 reagierte der Klub mit dem gleichen Fahnen-Verbot auf wiederholte Böllerwürfe und Bengalische Feuer. Das inzwischen legendäre "weiße Zelt" wurde errichtet, um verdächtige Fans zu untersuchen. Mehr dazu hier.

Hat das Fahnen-Verbot damals etwas gebracht? Nein. In manchen Fan-Gruppierungen wurde auch in den vergangenen Monaten (wieder) munter geböllert. Die Unbelehrbaren sind am Werk, sie pochen auf ihren Fan-Ethos, sie propagieren den Anti-Kommerz, den reinen Fußball, die Stimmung im Block, Bullen aus der Kurve. Und sie erheben sich selbst zu den Eminenzen, zu den Wortführern und Meinungsmachern darüber, was richtig oder was falsch läuft im Fußball. Dass ihretwegen jetzt alle Preußenfans leiden müssen, ist ihnen nachweislich gleich, die Zuschauer sind Kollateralschäden auf einer heiligen Mission. Ist das übertrieben? Darf man das übertrieben nennen angesichts der Bilder aus Osnabrück?

Fast Mitleid

Jetzt musste also der Verein reagieren und fast hat man Mitleid mit den Verantwortlichen. Was sollen sie tun? Sie haben in den vergangenen Monaten und Jahren Fanstammtische angeboten, interne Gesprächskreise, Treffen mit Fan-Vertretern, Sicherheitsbeauftragten, Fanbeauftragten, Polizei. Es wurde geredet und geredet und geredet. Und den Schlusspunkt setzte immer wieder ein Böller.

Was soll der Verein denn noch tun? Er ruft die eigenen Fans auf, nicht tatenlos zuzusehen. Er fordert dazu auf, aktiv diejenigen auszugrenzen, die so bewusst den Schaden anderer Menschen in Kauf nehmen. Er sagt, "diese Leute müssen raus aus der Anonymität". Ja natürlich, was sonst?

Aber ist ein Fahnen-Verbot der Weg dahin? Er war es in der Vergangenheit nicht und er wird es auch künftig nicht sein. Die bittere Erkenntnis ist die: Wer zündeln will, wer Böller werfen will, wird das auch weiterhin tun (können). Es gibt keinen richtigen Weg, keinen falschen Weg.

Wer leidet jetzt?

Dennoch bleiben Fragen. Was für einen Sinn macht es, den Block O im Stadion zu sperren, in dem die ehemalige Curva Monasteria stand? Jetzt werden sich die Fans aus der Kurve im Stadion verteilen. Was ist damit gewonnen?

Was ist gewonnen, die Stadionkapazität für das Derby gegen Bielefeld zu begrenzen? Wem schadet das? Doch nicht den verdächtigen Ultras oder den Leuten, die in ihrem Schutze (oder auch einfach hinter ihrem Rücken!) kriminell werden. Es schadet den ganz normalen Zuschauern, die nun nicht ins Stadion dürfen. Was für eine Logik steckt dahinter?

Was der Verein jetzt umsetzen will, hat eben keine tiefere Logik. Es ist, was es ist. Eine hilflose Geste, eine Reaktion ohne Aussicht auf eine grundlegende Veränderung. Wie kann ein einzelner Verein etwas ausrichten gegen einzelne Menschen? Es ist nicht Aufgabe eines Vereins, den Paten für seine Zuschauer zu spielen. Ein Verein kann sich nicht aussuchen, wer sich Fan nennt, wer als "Fan" getarnt auf Straftaten aus ist. Dieses Problem ist nicht lösbar - allen Fanprojekten und Sozialprojekten zum Trotz. Sie werden nie in der Lage sein, Gewalt und Langeweile und ihre manchmal explosive Mischung zu beenden.

Deshalb aufgeben? Natürlich nicht. Die Fanprojekte müssen weiter arbeiten, intern müssen weiter Gespräche stattfinden. Das ist ein nicht-öffentlicher Prozess und nur so geht es. Dass auch künftig völlig Unbeteiligte als Chaoten deklariert werden, weil einzelne Menschen kriminell sind, ist wohl leider nicht änderbar. Es ist traurig, aber das alles hat längst nicht mehr viel mit dem Fußball zu tun, sondern mit der Gesellschaft.

Vorerst hat sich in der Öffentlichkeit (und sicher beim DFB) der Eindruck verfestigt, die Preußen-Fanszene sei ein Haufen gemeingefährlicher Verbrecher. Ist es wirklich noch eine Überraschung, dass Spiele mit Preußen-Beteiligung das Etikett "Brisanz" angeheftet bekommen? Dass die Preußenfans von Hundertschaften der Bundespolizei begleitet werden? Gibt es da draußen wirklich noch einen Fan, der das für Schikane hält? Wir alle werden wieder darunter zu leiden haben, dass es da eine kleine Szene gibt, die ihr ganz eigenes Spiel spielt. Es sollte nicht vergessen werden, dass der eine große Böller (oder Sprengsatz?) nicht ein Einzelfall war. Während des gesamten Spiels explodierten im unteren Bereich des Preußen-Blocks in Osnabrück immer wieder kleinere Böller. Und es quoll Rauch aus der Menge. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, dass es sich nicht um den einen, verwirrten Einzeltäter handelt. Viel wahrscheinlicher ist, dass da eine Gruppe von Leuten unterwegs ist, die die Regeln für sich selbst festsetzen.

Lösungen? Keine. Nur Reaktionen. Hilflosigkeit.





Kommentare


Leser schrieb am 11.09.2011 um 22:20:33 Uhr
Im Großen und Ganzen hat der Bericht recht, aber dem Verein zu unterstellen er handle falsch und aus reiner Hilflosigkeit, damit kann man es sich auch leicht machen. Mich würde interessieren, welche Strafen die "vernünftigen Fans" für die Ereignisse in Osnabrück als sinnvoll erachten würden? Wahrscheinlich keine...bzw. die Täter fassen, aber was wenn das nicht möglich ist...

In diesem Sinne: Raus mit den Spinnern und Idioten die den Fußball, seine Fankultur und Vereine zerstören!

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