23.02.2012
Stichwort: Fans | 14.09.2011 | Kommentare

Randale, schwerste Ausschreitungen - ein Nachtrag

In den Schock über den dramatischen Böllerwurf von Osnabrück mischt sich langsam ein anderes Gefühl. Zwischen all den betroffenen Stellungnahmen des VfL Osnabrück, des Fanprojekts (auch der Oberbürgermeister der Stadt Münster meldete sich zu Wort), des Vereins SCP selber - zwischen all die Entschuldigungen hat sich klammheimlich eine eigenartige Forderungs-Politik geschlichen. Die Fans, die richtigen Fans, müssen jetzt ein Zeichen setzen, so wird Carsten Gockel in den WN zitiert. Eine Distanzierung fordert auch der Verein als Ganzes in seiner Stellungnahme. In den WN bittet ein Leserbriefschreiber um Entschuldigung für die Preußenfans.

In der ganzen Betroffenheit will ein Reflex hoch. Jetzt hört doch mal auf!

Wieso müssen sich all jene, die friedlich ein Fußballspiel sehen wollen, distanzieren? Dahinter steckt eine ganz perfide Logik. Sie wird nicht ausgesprochen, schwingt aber mit. Für Preußenfans gilt vorerst: Wer nicht ausdrücklich erklärt, sich zu distanzieren, der gilt fast verdächtig. Im Stadion würde das so klingen: Wer nicht hüpft, der ist ein Böllerwerfer, hey, hey. Jetzt sollen alle, die sich vernünftig benehmen, in moralische Haftung genommen werden?

Dabei sollte der kleinste gemeinsame Nenner lauten: Weder sind „die Preußenfans“ auffällig geworden noch gab es „schwerste Ausschreitungen“ oder gar „Randale“ im Preußenblock. Wer so etwas schreibt, befeuert eine Diskussionskultur, die unweigerlich zum Selbstläufer wird. Wenn Leser lange genug mit Verallgemeinerungen und Pauschalismen bedient werden, glauben sie irgendwann tatsächlich, „der Preußenfan“ an sich sei ein brandschatzender Schwerverbrecher.

Als müsste man diese Konsequenz noch belegen, gibt es auf einer Zeitungsseite im Netz eine Umfrage, ob man „trotz der Ausschreitungen“ noch zum Derby gegen Arminia Bielefeld gehen wolle. Die Antworten sind bedrückend schlicht, über die Hälfte der Stimmen entfällt auf die Option „Nein, das ist mir zu gefährlich“. Ganz so, als sei das Preußenstadion in der Vergangenheit für die Zuschauer ein Platz mit besonderer Gefährdung.

Natürlich sind nicht alle Blumen Tulpen.

Es ist fast ärgerlich, mit welcher Ausdauer immer wieder der politisch korrekte Hinweis zu lesen ist, „natürlich“ seien nicht „alle“ Preußenfans Chaoten. Das klingt schön sachlich und distanziert. Aber es ist bei genauerer Betrachtung überflüssig wie sonst was. Natürlich sind nicht alle Preußenfans Chaoten! Wäre es anders, gäbe es keine Spiele mehr mit Preußen-Beteiligung. Oder anders gesagt: Natürlich sind nicht alle Blumen Tulpen. Muss man das wirklich ernsthaft betonen?

Die Explosion in Osnabrück hatte eine neue Qualität, im negativen Sinn. Sie war ein Tiefpunkt im Leben des Werfers. Die „normalen“ Böller, die im weiteren Verlauf des Spiels gezündet wurden, waren unerträglich lästig, nervige Begleiterscheinungen der Ultra-Szene - aber Randale und Ausschreitungen? Wenn für so etwas der Superlativ bemüht wird, wohin soll diese Debatte dann noch steuern?

Böller sind eine Unsitte, widerliche Utensilien einiger Szenen. Aber sie sind weder neu, noch typisch für die Preußen oder den Fußball. Einmal im Jahr dreht Deutschland durch und zündet mit nicht weniger Energie tonnenweise Pyrotechnik - das aber unter dem Deckmantel des Jahreswechsels und gesellschaftlich toleriert. Muss man in diesem Zusammenhang wirklich erst die gleichen Medien bemühen, die am Neujahrstag von Sachbeschädigungen durch Böller schreiben? Mit der gleichen Logik, mit der aus Preußenfans nun Randalierer gemacht werden, müsste man uns alle miteinander Kriminelle nennen.

In diesem Zusammenhang muss man ein Zitat des (ansonsten geschätzten) Georg Krimphove kritisieren. Das Vorstandsmitglied lässt sich in den Westfälischen Nachrichten zitieren mit dem Satz, man müsse „wieder Fußballfeste gewährleisten, zu denen alle, vor allem auch Familien und Kinder, angstfrei kommen können.“ Das ist eine Aussage, die die Qualität der gesamten Diskussion sinnbildlich darstellt. Georg Krimphove impliziert damit, das Preußenstadion sei in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten eben nicht mehr dieser Ort. Sondern zu einem „Angstraum“ verkommen, der von sinistren Gestalten bevölkert werde. Ein Ort, in dem sich Familien eben nicht mehr ins Stadion wagen, Kinder bleiben fern - Panik greift um sich. Ist das so?

Es wäre angemessen, sich der Fakten zu erinnern. Vor wenigen Monaten feierten 18.500 Menschen, darunter Frauen und Kinder, im Preußenstadion eine gigantische, friedliche Party. Noch vor wenigen Tagen bebte das Stadion mit 10.000 Zuschauern vor Freude in der Party gegen Babelsberg.

Das Preußenstadion - ein Ort, an dem Fußballfeste erst „wieder“ möglich werden müssen? Wann war das Preußenstadion denn zuletzt ein Ort, an dem das NICHT möglich war?

Wenn überhaupt, dann machen im Stadion verstopfte Rettungswege, (bisher) fehlende Sanitäranlagen oder die Treppenaufgänge Sorgen.

Aussagen wie die vom Angstraum Stadion sind ein Fingerzeig auf die überbordende Diskussion, die erneut jedes Maß verloren hat. Das kann man feststellen, ohne den dramatischen Böller/Bombenwurf von Osnabrück auch nur ansatzweise klein zu reden.

Welche Qualität die Debatte außerhalb dieses „Anschlags“ erhalten hat, lässt sich aber an der Aufgeregtheit erkennen. Da läuft die Mannschaft im Spiel gegen Aalen mit eigens gefertigten T-Shirts gegen Gewalt auf. Da muss der Mannschaftskapitän eine Stellungnahme verlesen, das Fanprojekt ebenso. Auf der Anzeigetafel steht es vorsichtshalber auch noch einmal. Toleranz. Respekt. Na sicher, war das jemals anders? Ist es notwendig, die Menschen an Selbstverständlichkeiten zu erinnern, weil sich einzelne Menschen anders verhalten.

Braucht es demnächst ganzseitige Zeitungsanzeigen, um Menschen daran zu erinnern, Mitmenschen fair zu behandeln, weil einzelne Amokläufer Menschen töten?

Wird das deutlich?

Der Verein handelt richtig, wenn er in allen Belangen mit der Polizei zusammenarbeitet. Er handelt vernünftig, wenn er eine Belohnung ausschreibt. Genau das sind die konkreten Dinge, die jetzt zu erledigen sind. In Ruhe, mit Verstand, und ohne eine öffentliche Erregung, die jedes Maß verliert.



Kommentare


Armin Eckfahne schrieb am 17.09.2011 um 00:17:22 Uhr
Chapeau. sorry.
Armin Eckfahne schrieb am 16.09.2011 um 23:51:19 Uhr
Auch wenn Ihr es nicht mögt, aber auch als Armine schaut man ab und zu über den Tellerrand.
Wir schlagen uns tagtäglich mit schwachsinnigen Kommentaren in der NW herum, da tut dieses wohldurchdachte Statement gut. Capeau!

Bierkönig schrieb am 16.09.2011 um 19:28:48 Uhr
Genau so isses!
schwecht.bambonum schrieb am 16.09.2011 um 12:51:13 Uhr
maximum respekt! grandioser kommentar!!!!!!
läään schrieb am 15.09.2011 um 23:54:07 Uhr
top artikel! kann man nur so unterschreiben!!!!!!!!!
Holger Kalvelage schrieb am 15.09.2011 um 20:36:33 Uhr
Glückwunsch zu diesem gelungenen Kommentar - wie schnell wird aus falsch verstandener "political correctness" das genaue Gegenteil - eine Dramatisierung der Fansituation bei Preussen Münster. Gerade der Hinweis auf eine sensationelle Stimmung rund um den Aufstieg entlarvt die falsche Richtung der selbsternannten "Gutsprecher". Aber Sensationslust, PR - Geilheit treiben ihre Blüten und erzeugen schnell ein völlig überzogenes Bild.
Danke für den hervorragenden Artikel
Tom schrieb am 15.09.2011 um 13:25:29 Uhr
Danke!
Mörtel schrieb am 14.09.2011 um 21:41:38 Uhr
Nagel aufn Kopp !!
Fuchs schrieb am 14.09.2011 um 19:43:32 Uhr
Sehr guter Bericht...bitte veröffentlichen !!! Facebook,Twitter,etc....Danke !
scp_fan_69 schrieb am 14.09.2011 um 19:15:33 Uhr
1906% Zustimmung, Fieber!
Flügelflitzer schrieb am 14.09.2011 um 18:36:14 Uhr
Danke! Sowas müsste eigentlich als Leserbrief in die Zeitung...
Schmelti schrieb am 14.09.2011 um 18:26:44 Uhr
Danke! Besser kann man die Situation nicht darstellen!
Vogelsang schrieb am 14.09.2011 um 17:48:32 Uhr
endlich mal ein vernünftiger kommentar!!!
Peppy schrieb am 14.09.2011 um 16:44:57 Uhr
Ganz ehrlich!
Der Text ist genau richtig!
Besser hät ich es auch nicht schreiben können!
Pölle schrieb am 14.09.2011 um 15:44:48 Uhr
1906% Zustimmung - sprichst mir komplett aus der Seele. Die Realität wird nach so einem Vorfall mal wieder komplett ausgeklammert!
Martin (www.preussenstadion.de) schrieb am 14.09.2011 um 15:35:50 Uhr
Ein guter Text, der hoffentlich viele Menschen zum Nachdenken anregt !!
Abi schrieb am 14.09.2011 um 13:44:54 Uhr
Treffend.Auf den Punkt gebracht.
Daumen hoch!
Chris schrieb am 14.09.2011 um 12:26:07 Uhr
Ich wurde von einem Freund auf diesen Beitrag hingewiesen und kann den Text auch nur deutlich unterstreichen und unterschreiben!
metalmike schrieb am 14.09.2011 um 12:17:21 Uhr
Super und treffend geschrieben!
Martin schrieb am 14.09.2011 um 12:06:50 Uhr
Danke, Carsten, ein wirklich guter Text.

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