Güvenisik und der SC Preußen Münster: das ist eine ganz spezielle Geschichte. Ihren vorläufigen Höhepunkt hat sie am Dienstag mit der einstweiligen Freistellung des Stürmers genommen. Da lohnt sich ein genauerer Blick.
Die Verbindung zwischen Sercan Güvenisik und dem SCP geht bis ins Jahr 2006 zurück. In der Abstiegssaison griff der SC Preußen in der Winterpause zu - Güvenisik galt da in Deutschland durchaus schon als schwer disziplinierbar. Dennoch: Als der Stürmer zu haben war, wagte der SCP das Experiment und holte den eigenwilligen Mann aus der Türkei zurück nach Münster.
Hier dauerte es nur wenige Tage, bis Güvenisik der Publikumsliebling schlechthin war. In einer taumelnden Mannschaft schien er ein „Leader“ zu sein, der Mann, der sich immer reinkniet und Leistung bringt. In elf Spielen traf er sechsmal. Fast zur Legende wurde er, als er nach einem schweren Foulspiel für einige Wochen ausfiel, sich aber nach seiner Rückkehr ins Team ins Zeug legte, als sei nie etwas anderes geschehen. Vom SC Preußen verabschiedete sich Güvenisik mit zwei Toren im letzten Spiel.
Aus seinen Ambitionen hatte er nie einen Hehl gemacht. Schon bei seiner Verpflichtung hatte Güvenisik 2006 erklärt, Münster als Durchlaufstation zu betrachten, weil er nach höheren Zielen strebe - dieser gewagten Ansage ließ er allerdings untadelige Leistungen folgen.
Dass er in seinen späteren Stationen in Jena (weniger) und Paderborn (deutlich) sportlich Duftmarken setzte, war das eine. Dass er immer wieder durch kleinere oder größere Eskapaden auffiel, sein Namen gelegentlich mit eigenartigen Geschichten in Verbindung gebracht wurde - ein
umstrittener Möbelkauf beim Paderborner Sponsor Finke - war das andere.
Wie auch immer. Als Güvenisik im Winter 2010 erneut zum SC Preußen zurückkehrte, war die Freude durchaus groß. Der Stürmer hatte nie einen Hehl daraus gemacht, zum SCP eine besondere Verbindung zu pflegen - schließlich waren es die Preußen, die ihn zurück nach Deutschland holten und ihm hier eine neue Chance boten.
Jedoch: Güvenisiks Leistungen schwankten in den vergangenen Monaten. Zu der Form des Jahres 2006 schaffte er es nur noch selten - allerdings hielt ihm Trainer Marc Fascher lange die Treue. Der Stürmer spielte, selb
Die ernsthaften Probleme begannen am zweiten Spieltag der vergangenen Saison. Sercan Güvenisik bespuckte einen Düsseldorfer Spieler und sah dafür Rot. Dass Güvenisik zuvor heftig gefoult worden war und sein Ausraster als Reaktion darauf gewertet werden darf - geschenkt. Güvenisik hatte sein Team geschwächt und bekam Stress mit dem Trainer.
Weitere Zwischenfälle folgten: Bei der 0:1-Pleite in Gladbach im Dezember 2010 gab es Ärger in der Halbzeit. Im Frühjahr, nach der 0:1-Pleite in Lotte, legte sich Güvenisik mit Ornatelli im Training an. Es ging weiter in dieser Saison - mit einer Roten Karten im Spiel gegen Burghausen. Eine harte Rote Karte, aber es folgte eben erneut eine Sperre.
Für sich genommen alles kaum aufregende Geschichten im Fußball - aber die Masse macht’s eben. Güvenisik manövrierte sich mit diesen vielen kleinen Geschichten ins Abseits.
Wie und ob der Stürmer innerhalb der Mannschaft agiert, darüber soll nicht spekuliert werden. Güvenisik, der von sich selbst sagt, ein „emotionaler Spieler“ zu sein, reizt diese Selbsteinschätzung allerdings auch aus. Irgendwie schafft er es immer, im Gespräch zu bleiben. Noch im Sommer füllten seine Wechselabsichten über Wochen die Zeitungen und sorgten für Diskussionen in Foren und an Stammtischen. USA statt Münster? Am Ende wurde daraus nichts, aber das alles blieb im Kopf.
Im Kopf bleiben aber immer auch diese vielen kleinen Auffälligkeiten. Dass er beim Trainingsauftakt im Sommer 2011 seine eigenen Runden mit Walkman drehte. Dass er beim Warmmachen häufiger sein ganz eigenes Tempo anschlägt. So wie er zuletzt im Spiel gegen Chemnitz zur Einwechslung schlenderte, würde er jeden Trainer und jeden Fan zur Weißglut bringen.
Diese „das brauche ich nicht“-Attitüde ist weder mannschaftsdienlich noch dauerhaft tolerierbar für einen Trainer.
Aber natürlich hat diese Geschichte auch eine Kehrseite. Gerade in der Offensive steht der SC Preußen Münster ziemlich schwachbrüstig da. Man könnte auch sagen, jämmerlich. Dass ein Stürmer sich da seine Gedanken macht, wenn er spät oder gar nicht eingewechselt wird, liegt auf der Hand.
In Offenbach durfte er zwölf Minuten spielen - und wurde beim Spielstand von 0:2 eingewechselt. Was für ein Zeichen ist das für den einen von nur zwei Stürmern? Gegen Heidenheim durfte er gar nicht ran und zuletzt gegen Chemnitz kam er nach 82 Minuten. Darf man es einem Stürmer übelnehmen, wenn er sich darüber ärgert? Vor allem, wenn es auf dem Platz für die Mannschaft nicht rund läuft?
Die Eskalation gab es offenbar nach dem Spiel gegen Chemnitz. Schon seine späte Einwechslung hatte Güvenisik offenbar als Affront empfunden. In der Kabine machte er sich den Berichten zufolge lautstark Luft.
Es folgte der nächste Teil: Marc Fascher suspendierte den Stürmer vorerst. Zum Trainingsauftakt am 27. Dezember könne der Stürmer wieder erscheinen und sich für die Mannschaft empfehlen.
Was das für eine Empfehlung werden soll, darauf dürfen Fans und Trainer gespannt sein.
Eine klare Meinung zu vertreten, fällt schwer. Natürlich muss sich ein Spieler der Autorität des Trainers unterordnen. Es geht - billig, aber wahr - um den Erfolg der Mannschaft, nicht ums eigene Ego. Wenn jeder Spieler nach Belieben die beleidigte Leberwurst spielen könnte, bräche Chaos aus.
Auf der anderen Seite: Dass sich nach einem so enttäuschenden Spiel wie gegen Chemnitz der Ärger Bahn bricht und in der Kabine entlädt, könnte ein Trainer auch mal höflich überhören. Die Kabine ist nicht öffentlich. Und da der Trainer bei Güvenisiks Wutausbruch nicht einmal zugegen war, hätte man auch einfach die Ohren auf Durchzug stellen können. Denn auch hier geht es um das Wohl der Mannschaft. Dass Sercan Güvenisik sportliche Qualitäten hat, ist wohl kaum strittig. Ihn aus dem Kader zu streichen und einfach zu hoffen, dass der gealterte N’Diaye fit wird, ist zumindest leichtsinnig.
Es gibt in dieser Geschichte vermutlich keine eindeutige Bewertung. Der Frust des Spielers ist verständlich. Der Ärger des Trainers auch. Beide betrachten das aus ihrem Blickwinkel.
Aber: Vermutlich dürfte sich Güvenisik mit seinen beiden Interviews in MZ und WN endgültig ins Aus katapultiert haben. War es wirklich nötig, über die Presse den eigenen Trainer zu kritisieren? Es wäre ganz sicher eleganter gewesen, etwas Demut zu zeigen. Den eigenen Frust durchaus zuzugeben, aber zugleich anzukündigen, richtig Gas geben zu wollen.
Dazu wäre es allerdings auch sinnvoll gewesen, im Spiel gegen Chemnitz nicht derartig lustlos und provozierend desinteressiert aufzutreten. Ein Stürmer, der „will“, kann auch in acht Minuten einen Erfolg erzielen. Und sei es nur, ein deutliches Lebenszeichen zu senden. Das hat Güvenisik nicht getan und mit seiner unsouveränen Reaktion über die Presse zusätzliches Öl ins Feuer gegossen.
Die „Empfehlung“, die Güvenisik ab dem 27. Dezember im Training einreichen soll, müsste schon gewaltig und bemerkenswert ausfallen. Am Ende nehmen zwei Parteien Schaden: der mögliche Erfolg der Mannschaft und Sercan Güvenisik selber.